Eine enge Verbindung: Verkehrsweg und Regionserschließung

Votivbild von Mürzzuschlag im Jahre 1682.Votivbild von Mürzzuschlag, 1682 © Pfarre Spital am SemmeringDer Semmering-Pass war seit der Antike einer der zentralsten Übergänge der Ostalpen.

Die ersten Bewohner im "Harzwald"

Die ersten Bewohner des Semmerings waren Slawen. Der slawische Name „smruku“ wird als „Harzwald“ übersetzt. Im 12. Jahrhundert gelangte das Gebiet im Osten des Semmerings, rund um Preiner Gscheid, Schneealpe und Rax in den Besitz des steirischen Markgrafen Otakar III. Er ließ im Cerwald ein Hospiz errichten – im heutigen Spital am Semmering. Aufgrund der veränderten Besitzverhältnisse musste die Verbindung zwischen Mürztal und Neunkirchen gangbar gemacht werden. Aus dem Jahr 1125 belegen schriftliche Aufzeichnungen, dass Mönche aus Gloggnitz Weine ins obere Mürztal transportiert haben. Über den Semmering führte ein Saumpfad. Im Hochmittelalter kam es zu einem Aufschwung im internationalen Handelsverkehr und der schräge Alpendurchgang von Villach nach Wien wurde bald als „Semmeringstraße“ bekannt.

Die "Semmeringstraße"

Der Begriff „Semmeringstraße“ bezeichnet also nicht nur ein Straßenstück zwischen Spital und Schottwien, sondern einen Fernhandelsweg. Der Übergang über den Semmering erwies sich als ideal. Weitere Bezeichnungen für die „Semmeringstraße“ waren „Italien“- oder „Venedigstraße“. Mit Erhebung Triests zum Freihafen wurde die „Semmeringstraße“ zur wichtigsten Handelsverbindung und Verkehrsweg von und nach Italien. (1)

Trotz der Bedeutung des Passes als Verkehrsweg blieb dieser nahezu unbesiedelt. Einige Ortschaften des Semmeringgebietes waren bereits in der Antike bekannt wie Gloggnitz, Payerbach, Schottwien und Mürzzuschlag. Gloggnitz, Payerbach und Schottwien gehörten zur Provinz Noricum. Die Ortsnamen Gloggnitz und Mürzzuschlag haben slawischen Ursprung. 1842 wurde in Mürzzuschlag beim Bau des Bahnhofes ein steinerner Topf, gefüllt mit antiken Gold- und Silbermünzen, ausgegraben. Die genaue Geschichte rund um das Fundstück ist natürlich nicht bekannt. Man nimmt jedoch an, dass ein antiker Händler diesen mitführte.

Der Semmering ist kein Maulwurfshügel

Die Überquerung des Semmerings stellte bis zu Anfang des 19. Jahrhunderts eine große Herausforderung dar.
Johann Gottfried Seume beschreibt in seinem Reisebericht „SPAZIERGANG NACH SYRAKUS IM JAHRE 1802“ den Übergang über den Semmering folgendermaßen:

„Der Semmering ist kein Maulwurfshügel; es hatte in der zweiten Hälfte der Nacht entsetzlich geschneit, der Schnee ging mir bis hoch an die Waden; ich wusste keinen Stück Weg und es war durchaus keine Bahn… Nun ging es bergan zwei Stunden und nach und nach kamen einige Fuhrleute den Semmering herab und zeigten mir wenigstens, dass ich dorthin musste, wo sie herkamen…“ (2)

Die Semmeringbahn

Der große Aufschwung setzte erst mit dem Bau der Semmeringbahn ein. 1842 wurde die Strecke Wien-Gloggnitz in Betrieb genommen. Die Wiener Bevölkerung nützte sogleich die schnelle Verbindung in die Natur. Jenseits des Semmerings wurde noch an der Bahnlinie Mürzzuschlag-Graz gebaut und diese 1844 eröffnet. Nun fehlte noch der Lückenschluss über den Semmering. Carl Ghega, als Oberinspektor der südlichen Staatsbahn, begann sogleich mit der Projektierung der Strecke. Doch der Bau einer Eisenbahn über ein Gebirge stellte eine immense Herausforderung dar. Finanziell und vor allem aus technischer Sicht. Darum wurde vorerst auch die Umsetzung der Pläne nicht in Angriff genommen. Erst die März Revolution von 1848 brachte das Projekt auf Schiene. Der Bau der Semmeringbahn war damals die gewaltigste und interessanteste Baustelle des Kontinents. Viele prominente Persönlichkeiten besuchten diese – z.B. der König von Sachsen oder Fürst Otto von Bismarck. Bis zu 20.000 Arbeiter waren beim Semmeringbahnbau beschäftigt. Das brachte Leben in die Täler und Dörfer. (3) Die ansässige Bevölkerung blickte dem Projekt und vor allem den ankommenden Arbeitern mit Schrecken entgegen. So ist in der Pfarrchronik der Gemeinde Payerbach zu lesen:

„Der 7. August war der furchtbare Tag an welchem der ganze revolutionslustige Schwarm mit deutschen Fahnen ganz unerwartet in Payerbach anrückte und sich wie eine Huhnenhorde über das kleine Dörfchen ergoss.“ (4)

Der Aufstieg einer Region

Die Semmeringbahn wurde nur sechs Jahre später 1854 – ohne feierliche Eröffnung – in Betrieb genommen. Die Folgen des Bahnbaues waren für die Semmeringregion schlichtweg revolutionierend. Aus den kleinen Dörfern entlang der Semmeringbahn wurden in den folgenden Jahrzehnten Fremdenverkehrsorte. Zur Ankurbelung der Fahrgastzahlen wurden von der Südbahngesellschaft schon frühzeitig Hotels in unmittelbarer Bahnnähe errichtet. Am Semmering das wohl berühmteste Beispiel das Südbahnhotel. Die heutige Gemeinde Semmering gehörte als Ortsteil zu Breitenstein. Erst 1919 ist Semmering eine eigenständige Gemeinde und 1921 zum Höhenklimatischen Luftkurort ernannt worden.

Auch Mürzzuschlag wurde bereits Ende des 19. Jahrhunderts Heilklimatischer Höhenkurort. Ab 1894 erschien regelmäßig das Mürzzuschlager „KUR- UND FREMDENBLATT“. Mürzzuschlag entwickelte sich außerdem zu einem bedeutenden Industriestandort. Die Anbindung der Region, das Näherrücken an die Zentren der Monarchie brachte Aufschwung jedoch auch Änderungen in den Strukturen. So schreibt der steirische Heimatdichter Peter Rosegger in der Zeitschrift Heimgarten 1883 “WIE HEUTE BERGGEMEINDEN UNTERGEHEN”

Als in den Fünfziger-Jahren durch die Eröffnung der Bahn durch´s Mürztal die Welt aufgetan wurde, als aus den gesegneten Gegenden das Korn billiger in´s Land kam, wie man es da oben, stets von Missjahren gefährdet bauen konnte, fanden die höchstliegenden Höfe am Alpl, dass es besser sei, die Felder zu Wiese und Wald anwachsen zu lassen. Man züchtete Vieh, man verwertete den Wald zu Kohlen, Eisenbahnschwellen und Telegraphenstangen, die man ins Mürztal führte. […] Früher hatte der Alpl-Bauer Alles, was er aß und trank, womit er sich bekleidete und sein Haus baute, aus eigenem Grund und Boden zu ziehen gewusst, jetzt kaufte er´s um Geld […]. (5)

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam die rasante Entwicklung der Region – ausgelöst durch die beiden Welt Kriege – ins Stocken. Ein Rückgang des Tourismus war die Folge. Auch technische Weiterentwicklungen, wie z.B. die Elektrifizierung der Semmeringbahn führte zu Einschnitten. Die gesamte Region hat mit einem großen demographischen Problem – der Überalterung – zu kämpfen.

Natur-Schutz-Park: Payerbach-Steinhaus

Die Region rund um den Semmering hat in den letzten Jahren gelernt sich als Ganzes zu sehen. Verschiedenste Initiativen versuchen die Landesgrenze zwischen Niederösterreich und der Steiermark aufzuheben. Das starke Bindeglied ist die Semmeringbahn. 1998 wurde diese Gebirgseisenbahn als 1. Eisenbahnstrecke der Welt zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Diese Ernennung ist nicht nur als Auszeichnung zu sehen, sondern stellt vor allem einen Auftrag an die Region dar. Die Strecke muss für die Nachwelt erhalten und die Region im Einverständnis mit dem Weltkulturerbe weiterentwickelt werden.

Wie außergewöhnlich und schützenswert das Semmeringgebiet ist beschreibt schon Peter Altenberg 1911 auf einem handschriftlichen Manuskript:

Ich verlange dringend und sofort einen „Natur-Schutz-Park: Payerbach-Steinhaus“! (6)

Mehr spannende Einbilcke zu dem Thema bekommen sie bei unserem nächsten RAILTalk am 30. Jänner, 16 Uhr ONLINE. Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

(1) Doris FRIDECKY: Von Wien nach Triest, Venedig und in die Welt, in: Die Eroberung der Landschaft. Semmering Rax Schneeberg. Sonderausgabe morgen Kulturzeitschrift aus Niederösterreich. 16. Jahrgang / Nummer 82 / April 1992. Seite II f.
(2) Johann Gottfried SEUME: Spaziergang nach Syrakus. Braunschweig und Leipzig 1805. Seite 29 f.
(3) Norbert TOPLITSCH: „Wunder oder Teufelswerk…“ Die Veränderungen im Semmeringgebeit durch den Bau der Südbahn, in: 150 Jahre Südbahn. Mit Volldampf in den Süden, (Hg.) Marktgemeinde Reichenau an der Rax 2007. Seite 41 f.
(4) Robert PAP: Weltkulturerbe Semmeringbahn. Semmering 2003. Seite 87.
(5) Peter ROSEGGER: Wie heute Berggemeinden untergehen, in: Peter ROSEGGER (Hg.): Heimgarten. Eine Monatsschrift, Graz 1883, Seite 53 f.
(6) TOPLITSCH Seite 55.