Sonderbauformen von Dampflokomotiven

Kapellen 1853 webKapellen, © Otto Brandtner

Offenbar genügt eine normale Dampflokomotive nicht überall, denn sonst hätte man nicht verschiedene Sonderbauformen erfunden.

Immer schneller! Immer Schwerer!

Im Laufe der Entwicklung der Eisenbahn wurden die Züge immer schwerer und immer schneller. Daher mussten auch die Lokomotiven immer stärker werden. Stärker werden bedeutet größere Kessel für mehr Dampferzeugung pro Stunde, größere Tender für mehr Kohle und Wasser, stärkere Laufwerke, die das Gewicht auch tragen können. Nachdem die Eisenbahn an das Lichtraumprofil gebunden ist, kann eine größere Lokomotive nicht höher und nicht breiter werden, sie kann nur in die Länge wachsen.

Gelenkiger Rahmen und Drehgestelle versus Getriebelokomotive

Damit erscheint aber das nächste Problem: Je länger die Maschine, umso unwilliger durchfährt sie enge Kurven. Das trifft besonders für Gebirgsstrecken und Schmalspurbahnen zu, wo die Kurven besonders eng sind. Grob kann man in diesem Zusammenhang zwischen Lokomotiven mit gelenkigem Rahmen und Drehgestellen und auf der anderen Seite auf Getriebelokomotiven unterschieden.

Sonderbauformen in der Schweiz, Deutschland, Afrika, Südamerika und Australien

Bei Dampflokomotiven mit gelenkigem Rahmen oder Drehgestellen trägt jedes Drehgestell eine Dampfmaschine mit Zylindern, Kolben und Gestänge. Das Problem dabei ist, den dampf mit hohem Druck über bewegliche Leitungen in die Drehgestelle einzubringen. Die Bauarten ˈMalletˈ, ˈMeyerˈ und ˈGarretˈ sind die verbreiteten Typen. Im Einsatz waren diese Sonderbauformen in der Schweiz, Deutschland, Afrika, Südamerika und Australien.

Sonderbauformen in Nordamerika und Kanada

Anders entwickelten sich die Dampflokomotiven in Nordamerika und Kanada. Dort setze man auf Getriebelokomotiven. Dabei sitzt die Dampfmaschine fest im Hauptrahmen und die Kraft wird über die Getriebe und Kardanwellen zu den Drehgestellen übertragen. Das Problem mit der beweglichen Dampfleitung, die nicht ganz dicht zu halten waren, entfällt dabei. Getriebelokomotiven waren oft bei der Holzbringung im Einsatz. Die häufigsten Bauarten waren ˈShayˈ, ˈHeislerˈ und ˈClimaxˈ. Im 19. Jahrhundert war die Holzbringung ein wichtiger Industriezweig in Nordamerika und Kanada. Oft wurde auf die Verlegung von Schienen verzichtet und die Lokomotiven fuhren auf Baumstämmen. Die Räder hatten zwei große Spurkränze, ähnlich der Felge bei einem Kraftfahrzeug. Abenteuerliche Brückenkonstruktionen aus Holz ermöglichten die Überquerung von Tälern und Schluchten.
Viele dieser Getriebelokomotiven sind heute im Einsatz für Nostalgiebahnen oder in Museen erhalten.

Dipl.-Ing. Otto Brandtner