Ein Stück Eisenbahngeschichte

Der Betriebsbahnhof Mürzzuschlag, 1854Station Mürzzuschlag, Lithografie von Imre Benkert 1854 © SÜDBAHN Museum

Am 03.08.2019 endete in Mürzzuschlag ein Stück Eisenbahngeschichte. Als letzte verlassen die fünf Loks 1144.074, 1144.073, 1144.055, 1144.023 und 1144.080 um 22:45 Uhr die Zugförderung (Produktion) Mürzzuschlag und fuhren als SLZ 97904 nach Gloggnitz. (https://bahnbilder.warumdenn.net/20816.htm 15.11.2019)

Der Betriebsbahnhof Mürzzuschlag

Das Stück Eisenbahngeschichte war die Geschichte des Bahnhofes Mürzzuschlag als Betriebsbahnhof der Semmeringbahn. Zu Anfang waren insgesamt vier Betriebsbahnhöfe für die Bergstrecke über den Semmering von Nöten. Der Betriebsbahnhof Mürzzuschlag war nun der Letzte der vier.

Im Oktober 1844 ging der Bahnhof Mürzzuschlag als Kopfbahnhof in Betrieb. Die Strecke Mürzzuschlag-Graz, als erste Staatseisenbahn Österreichs, wurde feierlich durch Erzherzog Johann eröffnet. Bereits 10 Jahre später die erste große Veränderung. Mit Eröffnung der Semmeringbahn wurde aus dem Kopfbahnhof ein Durchgangsbahnhof.

Der damalige Stand der Lokomotivbautechnik erforderte in den beiden Talstationen der Semmeringbahn, Gloggnitz und Mürzzuschlag, jeweils einen Wechsel der Zuglokomotiven und die Beigabe von bis zu zwei Berglokomotiven. (Saßmann, Eduard: 4 Heizhäuser für Mürzzuschlag. In: Modellbahnwelt 5/2018, S. 70)

Vier Heizhäuser für Mürzzuschlag

Für diese Lokomotiven wurde in Mürzzuschlag das Semmeringer Heizhaus in Betrieb genommen. Zu sehen auch auf der Lithografie von Imre Benkert von 1854.
In den 1860er Jahren waren schlussendlich gesamt vier Heizhäuser in Betrieb. Aber auch noch Werkstätten und eine Montierungshalle. Der Personalstand stieg auf mehr als 100 Personen an. Im Almanach von 1868 ist nachzulesen, dass ein Stationschef, ein Verkehrsassistent, fünf Verkehrseleven, ein Aushilfsbeamte und unzählige nicht genau angeführte Verschieber, Weichensteller, Bremser und Hilfskräfte am Betriebsbahnhof Mürzzuschlag beschäftigt waren. Sukzessive wurden im Laufe der Jahrzehnte ein Heizhaus nach dem anderen wieder abgetragen. Spätestens mit Elektrifizierung der Strecke Mürzzuschlag-Bruck an der Mur 1963 auch das letzte Semmeringer Heizhaus.

Eisenbahnarchäologie

Im Zuge der großen Umbauarbeiten des Bahnhofes Mürzzuschlag für den Semmering Basistunnel wurden die Fundamente dieses Heizhauses freigelegt. Nun begann die spannende Arbeit der Archäologen.
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich der Begriff der Eisenbahnarchäologie etabliert. Sie ist ein Teilbereich der Industriearchäologie und befasst sich mit der Suche nach den baulichen Resten stillgelegter Bahnanlagen, also der Strecken und Gleise einschließlich aller dazugehörigen Bauwerke. Wozu wurden nun diese Heizhäuser gebaut. Wie der Begriff schon erahnen lässt wurden hier die Dampflokomotiven angeheizt. Darum war über jedem Gleis auch ein Rauchabzug. Weiteres, um Instandhaltungsarbeiten am Fahrwerk der Lokomotiven vornehmen zu können, gab es auch Gruben unter den Gleisen.
Die freigelegten Fundamente des Semmeringer Heizhauses zeigen eben diese Gruben, sowie ein ausgeklügeltes Wasserleitungssystem. Durch die genaue Aufnahme der Reste und die Recherche in den Archiven bleibt zumindest das Wissen um dieses Stück Eisenbahngeschichte erhalten!

Mag. Kerstin Ogris