Ein Bahnhof geht mit großen Schritten in die Zukunft

Großbaustelle Bahnhof Mürzzuschlag 2020Die Großbaustelle in der Morgendämmerung © SÜDBAHN Museum, Thom Baumann

Seit März 2019 wird nun der gesamte Bahnhof Mürzzuschlag umgebaut. Viele blicken mit Wehmut zurück weil sich vieles verändert und kein Stein auf dem anderen bleibt. Doch der Bahnhof Mürzzuschlag hat sich seit seiner Inbetriebnahme 1844 laufend verändert. Es wurde ständig gebaut und wieder abgerissen. Die Eisenbahn ist kein statisches Objekt sondern muss sich laufend erneuern um mithalten zu können.

Spannen wir in diesem RAILBlog einen Bogen über 180 Jahre Eisenbahngeschichte und behalten wir das Zitat von Peter Rosegger stets vor Augen

"Man kann nicht dagegen sein, dass Neues erstrebt wird aber man sei vorsichtig in der Zerstörung des Alten." 1915

Auszug aus der Mürzzuschlager Bahnhofschronik

1825:

Erzherzog Johann schrieb am 26. März 1825 einen Brief an Franz Graf von Saurau. Graf Saurau war damals der Leiter der unter anderem für Eisenbahnbelange zuständigen k. k. vereinigten Hofkanzlei. In dem Brief beschreit Erzherzog Johann die Wichtigkeit einer Eisenbahnstrecke durch das gesamte Gebiet der Habsburgermonarchie und die Anbindung Triest an den Ost-Indien-Handel. Darin auch Mürzzuschlag als Bahnhofsstation vermerkt.

1842:

Am 12. April 1842 ging eine Currende vom Kreisamt Bruck an das Bezirksmagiastrat Mürzzuschlag ein.

"Die Generaldirektion der Staatseisenbahnen hat die Absicht, um die Verhältnisse auf die zuverlässigste Art auszumitteln, deren Kenntnis zum Behufe der zu bestimmenden Richtung der Eisenbahn von Wien nach Triest unumgänglich nötig ist, die bei der Gen. Dir. in Eid und Pflicht stehenden techn. Beamten auszusenden, um die zu diesem Zweck notwendigen Erhebungen und Untersuchungen an Ort und Stelle zu pflegen.“

Am 05. Mai 1842 wurde das erste Teilstück der Südbahn Wien-Gloggnitz eröffnet.

1844:

Das Stationsgebäude von Mürzzuschlag wurde als Bahnhof 1. Kategorie gebaut: mit verputzter Außenfassade und gemauerter Personenhalle für die Personenzüge. Der schlichte Bau war von einem Glockenturm gepräg. Mit Oktober 1844 verkehrten laut Fahrordnung der k.k.Stb. zwei Tageszüge in beide Richtungen (ab MZZ 9 und 15 Uhr - an Graz 11.45 und 17.45 Uhr Gegenzug: ab Graz 8.15, an 11.45). Und mit November 1844 startet der Güterverkehr nach Graz. Im Bahnhof Mürzzuschlag waren achtundsechzig Bedienstete gemeldet. Sechs Beamte, vier Lokführer, zehn Heizer, vier Kondukteure, sieben Schmiede, sechs Schlosser, etliche Tischler, Zimmerer und zweiundzwanzig Handlanger (Verschieber, Magazineure, Oberbauarbeiter usw.). Von den achtundsechzig Bediensteten stammten siebenundzwanzig aus Böhmen, sechs aus Ungarn, sieben aus Deutschland, fünf aus Italien, einige aus Wien und Graz, und je ein Spitaler und ein Langenwanger. Keiner aus Mürzzuschlag.

Es ist auch schon von einem ersten Eisenbahnerstreik zu lesen: zwei Handlanger verlassen gemeinsam die Arbeit, weil sie um 32 Kreuzer Taglohn nicht arbeiten wollten. Sie drohten, alle Kameraden zu verdreschen, die sich ihnen nicht anschlossen und wollten auch die Anstellung neuer Arbeiter verhindern. Rädelsführer war ein Josef Berger.

1848:

Der Bahnhof Mürzzuschlag wurde zum Betriebsbahnhof der Semmeringbahn. Ausgestattet mit gesamt vier Heizhäusern, Werkstätten, Kohlen und Wasserstationen.

1868:

Personalstand lt. Almanach: ein Stationchef, ein Verkehrsassistenten, fünf Verkehrseleven, ein Aushilfsbeamter, die Arbeiter wurden nicht genau angeführt - jedoch: Verschieber, Weichensteller, Bremser, Hilfskräfte. Damals bereits das Heizhaus und die sog. ""Ingenieurssektion" (~Streckenleitung) angeführt. Gesamt dürften über 100 Personen beschäftigt gewesen sein.

1870:

Wilhelm Flattich, Oberbaudirektor der Südbahngesellschaft beschreibt den Bahnhof Mürzzuschlag wie folgt:

„Die Station Mürzzuschlag, in welcher nur eine geringe Personenaufnahme stattfindet, dient hauptsächlich als Mittagsstationen für die Reisenden der Linie Wien-Triest. Das Aufnahmegebäude ist mit Rücksicht auf das früher Gebäude den Bedürfnissen entsprechend eingerichtet worden; es erklärt sich hieraus die durchaus abnormale Anlage. Das Aufnahmegebäude hat gegen die Bahn einen bedeckten Perron, welcher erlaubt, in die auf den dem Perron zunächst liegenden Geleisen befindlichen Wagenzügen gegen Regen geschützt einzusteigen; die Säulen, welche das Dach der Veranda tragen, dienen gleichzeitig als Ablaufröhren des Dachwassers. Die Küche der Restaurationen ist von der Straße aus zugänglich; sie ist von dem Restaurationssaale für die Reisenden durch einen Raum getrennt, welcher für die Manipulation mit den Speisen, den Getränken und der Wäsche dient, und gleichzeitig verhindert, dass der Küchengeruch in den Saal dringt. Ein Saal ist zum Gebrauche für den aller höchsten Hof mit besonderem Ausgang, da dieser Ort von Sr. Majestät dem Kaiser häufig zu Jagdausflügen benützt wird.“

1878:

Am 01. Mai 1878 ging ein Ansuchen zur Abhaltung eines Wohltätigkeitskonzertes. Aufgrund der sozialen Ungerechtigkeit förderten die Eisenbahner als erste in Mürzzuschlag den Gewerkschaftsgedanken.

1898:

Das Aufnahmegebäude wurde wieder umgebaut. Das k.u.k. Post- und Telegrafenamt wurde errichtet. Dieser Umbau prägt das Erscheinungsbild noch heute.

1907:

Insgesamt waren 255 Verkehrsbedienstete am Bahnhof Mürzzuschlag gemeldet. Ebenso waren im Maschinendienst 255 Mitarbeiter und bei der Bahnerhaltung 141 Männer beschäftigt. Gesamt somit 651 Bedienstete. Davon waren 415 Männer verheiratet und hatten 809 Kinder.

1908:

Im Oktober 1908 wurde das elektrische Licht wird eingebaut. Stromlieferant war das E-Werk der Marktgemeinde.

1923-1925:

Es kam zur Änderung in der Betriebsführung. Die Bahnlinie Wien-Graz wurde bis dahin von der privilegierten Südbahngesellschaft betrieben. Die Linie wurde von den Österreichischen Bundesbahnen übernommen. Der Bahnhof Mürzzuschlag war der Direktion Wien Südost unterstellt. In diesen Jahren stieg die Zahl der Frühpensionisten.

1940-1945:

Das Verkehrsaufkommen über den Semmering stieg sprunghaft an. 825 Tonnen schwere Halbzüge wurden über die Gebirgsbahn transportiert. Aus diesem Grund wurde der Standort Mürzzuschlag weiter ausgebaut. 66 Lokomotiven für den schweren Güterverkehr über den Semmering in Mürzzuschlag stationiert.

1947:

Die Anlagen der Zugförderung Mürzzuschlag bestanden aus dem Rundschuppen, den beiden dreigleisigen 65m langen Rechteckschuppen, den beiden Lokwerkstätten - verbunden durch eine Schiebebühne, zwei 20,04m Drehscheiben, fünf Putzgruben, zwei Wassertürmen mit je einem 90 m³ Behälter, zusätzlich einem Anschluss an das Stadtwassernetz, vier Wasserkränen und zusätzlich zwei Wasserkränen am Bahnhof, zwei Kohlenkräne und ein 6.000 Tonnen umfassendes Kohlenlager (durchschnittlich wurden 130 Tonnen pro Tag ausgegeben). In den Werkstätten befand sich neben verschiedener Maschinen auch eine Gießerei, zwei Achssenken, sowie zwei Garnituren Hebeböcke. Weiters ein Hilfszug bestehend aus einem Mannschaftswagen und drei Gerätewagen.

1957-1959:

„Umbaujahre. An die Bediensteten wurden Anforderungen gestellt, die ihnen immer in Erinnerung bleiben werden, sie konnten diese Anforderungen nur mit letztem persönlichem Einsatz bewältigen.“ (Thomas Neumayer)

Drei Stellwerkstürme wurden außer Betrieb genommen und später geschliffen. Die Sicherung der Zugfahrten erfolgte in sechs Schlüsselwerken - diese waren in Hütten untergebracht. Die Bahnsteige wurden überdacht und der Personentunnel gebaut. Weiteres wurden Gleisneulagen durchgeführt und das Zentralstellwerk errichtet. Mürzzuschlag wurde als erste Anlage in Österreich mit PVC-Kabeln ausgestattet.

1959-1963:

Doppeltraktion in Mürzzuschlag: Semmeringbahn ab 1959 elektrifiziert, 1963 Mürzzuschlag-Bruck-Knittelfeld elektrifiziert. In Mürzzuschlag konnten Reparaturen an allen Traktionen durchgeführt werden.

1976:

Mit Wirksamkeit vom 01. September 1976 wurde die Streckenleitung Mürzzuschlag aufgelassen, ihr Aufsichtsbereich wird von der Streckenleitung Wiener Neustadt übernommen.

1979:

Am Bahnhof waren 159 Beschäftigte, 203 bei der Zugförderung und dreiundvierzig bei der Bahnmeisterei. Durch die Verlegung der Streckenleitung nach Wiener Neustadt gingen rund 100 Dienststellen in Mürzzuschlag verloren.

1983:

Am 18. Oktober 1983 begann für die Personenkassa das Computerzeitalter. Es wurden zwei Nixdorf Kassenterminals 8812 in Betrieb genommen. Der Dienstposten der Kassiere wurde damit auf die Gehaltsgruppe VI/b angehoben.

1990:

Der Bahnhof Mürzzuschlag wurde bezüglich Arbeitnehmerschutz zum besten Bahnhof Österreichs geehrt.

1996:

Personalstand: Zugförderung 162 Personen, Werkstätten fünfundzwanzig, Vorratslager vier, Bahnhof mit kommerziellen Dienst 110 Personen, Bahnmeisterei sechsunddreißig, Kraftwagendienst dreizehn, Signal- und Sicherungsdienst fünf und drei Elektromeister.

1998:

Einstellung des Werkstättenbetriebes in Mürzzuschlag.

2001:

Verlängerung des Personendurchganges

2019:

Mit Baubeginn an den Außenanlagen und erforderlichem Softwaretausch am 04.04.2019 wurden die letzten Vorspannmanipulationen am 03.08.2019 in Mürzzuschlag durchgeführt (ca. 65 Triebfahrzeugführer in Mürzzuschlag stationiert). Im Sommer 2019 haben Archäologen auch Fundamente des alten, sogenannten "Semmeringer Heizhauses" freigelegt und dokumentiert. Die Arbeiten in "offener Bauweise" am Tunnel haben begonnen.

2020:

An der Stelle des alten Heizhauses entsteht die Gleishalle des zukünftigen Instandhaltungs-Stützpunkts. Die Bauarbeiten für die neue Park&Ride-Anlage sowie umfangreiche Arbeiten im Gleisbereich laufen auf Hochtouren.