Eine Lokomotiv-Remise für Mürzzuschlag

Der Rundlokschuppen in MürzzuschlagDer Rundlokschuppen in Mürzzuschlag 2003 © Erich Nährer

In der Kernzone des UNESCO Weltkulturerbes Semmeringbahn befindet sich auch der Rundlokschuppen in Mürzzuschlag. In seiner Funktion als Lokomotiv-Remise war er bis 2005 in Verwendung. Seit Juni 2007 wird der Rundlokschuppen als zusätzliche Ausstellungshalle des SÜDBAHN Museums genützt.

Große Bahnhofserweiterungen entlang der Südbahn

Erbaut wurde der Rundlokschuppen in den 1870er Jahren im Zuge der großen Bahnhofserweiterung durch den Hochbaudirektor und Architekten der Südbahngesellschaft Wilhelm Gustav Flattich.

Wilhelm Gustav Flattich

Flattich verfasste mit seinen „Normalien“ Pläne für je nach Bedarf variierbare Bahnbauten. Eine Lokomotiv-Remise beschreibt er wie folgt:

„Locomotiv-Remisen haben den Zweck, die Locomotiven, während sie keinen Dienst verrichten, vor den Einflüssen der Witterung und Kälte zu schützen; sie müssen derart eingerichtet sein, dass die Maschinen abgekühlt, gereinigt, angeheizt und die kleinen Reparaturen gemacht werden können, welche vom Führer und seinem Gehilfen selbst ausgeführt werden. Dem Angeführten gemäss muss für jede Maschine eine Grube, welche mit dem Wasserablaufe in Verbindung steht, ein Schornstein, eine Einrichtung zum Wassernehmen und eine Werkbank mit Schraubstöcken vorhanden sein; es muss ferner dafür gesorgt werden, dass der Rauch, welcher durch den Schornstein nicht abgeführt wird, am First entweichen kann. … Bei der Projectirung einer Remise ist die Stellung der Maschine massgebend, welche sie in der Remise einnehmen soll. Gewöhnlich werden die Maschinen mit den Köpfen nach der Richtung gestellt, nach welcher sie sich bewegen, sobald sie in Dienst kommen. … Bei der halbrunden Remise werden die Bureaux der Beamten der Zugförderung, die Casernen für das Personal und die Magazine für Oel ect. und Reservegegenstände an den Enden angebaut. … Die Kosten der Locomotiv-Remisen betragen per Stand einer Maschine circa 3000 fl. Ö. W. B. V.“ (Flattich, Wilhelm: Beschreibung von auf den Linien der Südbahn ausgeführten Hochbauten mit Angabe ihrer Kosten. S. 21, Wien 1870)

Der Rundlokschuppen in Mürzzuschlag

Ein Situationsplan von 1907 zeigt den Rundlokschuppen mit gesamt 14 Ständen. Im Jahr 1927 wurde eine Verlängerung von 8 Ständen angedacht und im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Vorhaben umgesetzt. Das Verkehrsaufkommen über den Semmering stieg damals sprunghaft an. 825 Tonnen schwere Halbzüge wurden über die Gebirgsbahn transportiert. Aus diesem Grund wurde der Standort Mürzzuschlag weiter ausgebaut und 66 Lokomotiven für den schweren Güterverkehr über den Semmering in Mürzzuschlag stationiert. Da diese Maschinen eine größere Länge hatten war der Ausbau notwendig geworden. In der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. wurde der Rundlokschuppen von 14 auf 10 Stände verkleinert. Nach Außerbetrieb-Stellung des Rundlokschuppens hat sich der Museumsverein Freunde der Südbahn für die Unterschutzstellung des Gebäudes eingesetzt, welche 2006 erfolgte:

„Die Kombination der Lokmontierungshalle mit Schiebebühne (SÜDBAHN Museum) und Rundlokschuppen mit Drehscheibe bildet die letzte erhaltene Anlage dieser Art aus der Zeit der Hochblüte des Eisenbahnwesens um 1900 in Österreich. … Die beiden Bauwerke samt Schiebebühne und Drehscheibe sind daher von besonderer geschichtlicher und kultureller Bedeutung.“ (Bundesdenkmalamt Wien, 30. Juni 2006)


Der Rundlokschuppen ist architektonisch sehr wertvoll. Vor allem die original erhaltene nördliche Fassade zeigt die Handschrift Wilhelm Flattichs – er orientierte sich bei seinen Entwürfen an lokalen Materialien und Bauformen. So entstand erstmals ein Stil gleichsam als Kennzeichen einer bestimmten Bahnlinie. Die Nebengebäude der Südbahn wurden aus Naturstein errichtet.

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