Das schweizer Krokodil im Rundlokschuppen Mürzzuschlag

Das große und das kleine Krokodil.Das große und das kleine Krokodil © SÜDBAHN Museum, Thomas Baumann

„Gestatten, dass ich mich vorstelle. Ich heiße Be 6/8 II, habe die Nummer 13257 und bin in der Schweiz bei der Maschinenfabrik Oerlikon am 18. Mai 1920 geboren…“

Diese liebevolle Vorstellung einer Elektrolokomotive stammt von einem wahren Eisenbahnfreund. Er beginnt damit die Biografie einer Lokomotive die ihm besonders am Herzen liegt. Wollen wir seiner Beschreibung einer Lokomotivgeschichte, erzählt in Ich-Form, weiter folgen…

„Sie wollen sicher wissen, warum ich so einen komplizierten Namen habe. Nun, das ist ganz einfach. Das ˈBˈ bedeutet, dass ich eine Höchstgeschwindigkeit von 75 km/h habe, das ˈeˈ, dass ich eine elektrische Lokomotive bin, das ˈ6/8ˈ, dass ich sechs angetriebene und insgesamt acht Achsen habe. Das römische ˈIIˈ bedeutet, dass ich der zweiten Serie von Lokomotiven mit dieser Achsfolge angehöre. Aber sie können einfachheitshalber ruhig ˈKrokodilˈ zu mir sagen! Ich wurde mit 33 Schwestern auf der Schweizer Gotthardstrecke eingesetzt, wir waren die ersten Loks, die aufgrund ihrer Gelenkigkeit und entsprechender Beweglichkeit die vielen engen Kurven ohne Schwierigkeiten mit höherer Last und schneller nehmen konnten. So begann unser Siegeszug als Berglokomotive und später kamen noch 18 Halbschwestern in etwas geänderter Ausführung zu uns. Auch bei der österreichischen Eisenbahn wurde die Lösung der ˈKrokodilˈ-artigen Fahrzeuge aufgegriffen, und die Serien 1089 und 1189 fuhren auch auf den Bergstrecken des Arlberg und später auch auf der Tauernstrecke. Ab 1952 bekamen wir ernsthafte Konkurrenz im Gebirge in Form der Ae 6/6 Lokomotiven, die natürlich schneller waren als wir. Wir wurden ins Flachland zurückgezogen, wo wir noch viele Jahre vor Güterzügen wertvolle Dienste leisteten. Während einige von uns verschrottet wurden, kamen andere in diversen Museen unter. Für mich begann 1979 ein neues Leben in Österreich! Am 19. September d.J. wurde ich gegen ein österreichisches ˈKrokodilˈ, die 1089.06, in Buchs getauscht und kam über Bludenz nach Attnang-Puchheim, wo ich von den österreichischen Kolleginnen freundlich aufgenommen wurde. Ich bekam sogar eine ÖBB Nummer – 1189.10, und durfte bei Sonderzügen meine Kräfte einsetzen, bestaunt und fotografiert von vielen Fans. Allmählich wurde ich in die Hauptwerkstätte Linz überstellt, wo ich ein trauriges Dasein fristete, fallweise von einigen Wissenden betrachtet. Ihnen hatte ich es auch zu verdanken, dass ich anlässlich eines ˈTages der offenen Türˈ am 11. September 1987 in die Zugförderungsleitung Wien-Süd zu einer Krokodil-Ausstellung überstellt wurde. Gemeinsam mit der 1189, 1020, 1063 und 1064 wurde ich gehörig bewundert. Meine nächsten Stationen führten mich am 7. November 1993 in die Zugförderungsleitung Floridsdorf und von 12. bis 14. Juli 1996 sogar nach Budapest. Über Initiative des Technischen Museums Wien wurde ich 1998 in das Eisenbahnmuseum Strasshof überstellt. Dort blieb ich bis zum 20. April 2008. Für mich war ein Platz im Rundlokschuppen des SÜDBAHN Museums vorgesehen. Und hier stehe ich bis heute!

Oskar Messerschmidt

Technische Details

Triebraddurchmesser  1350 mm ....  Max. Anfahrzugkraft am Rad    30000 kg
Laufraddurchmesser  950 mm    Stundenzugkraft am Rad bei V = 45 km/h  21840 kg
Getriebeübersetzung  1 : 4,03    Stundenleistung am Rad  3640 PS
Anzahl Fahrmotoren  4    Stundenleistung a.d. Welle  4x705 kW
Dienstgewicht  126 t    Dauerleistung am Rad bei V = 46,5 km/h  3320 PS
Reibungsgewicht  103 t    Dauerleistung a.d. Welle  4x645 kW
       Maximale Geschwindigkeit    75 km/h
       Nutzstrombremse    

Das Krokodil steht für allerlei Aktivitäten im Zentrum des Geschehens

Die Elektrolokomotive mit dem Kosenamen "Krokodil" hat weltweit viele Anhänger. So ist es auch wirklich an der Zeit diese Maschine als Objekt des Monats wiedereinmal unter die Lupe zu nehmen. 2008 wurde sie in den Rundlokschuppen nach Mürzzuschlag überstellt. Die Unterdachstellung stellte eine große Herausforderung dar. So stieß die Drehscheibe aufgrund von Gewicht und Länge der Lokomotive an ihre Grenzen. Anlass für die Aufnahme dieser Exotin in die Fahrzeugausstellung in Mürzzuschlag war eine Sonderausstellung zu Internationalen Gebirgsbahnen 2008. Seit dem werden diverse Aktivitäten rund um diese spezielle Gebirgslokomotive gemacht. Ein Nostalgiefest wurde zum "Krokodilstreffen"; über mehrere Jahre fanden Schaurestaurierungen statt und Fotografen - Profi und Amateure setzen das Krokodil in Szene.

So manche Kritiker verstehen nicht warum eine Schweizer Gebirgslokomotive im SÜDBAHN Museum Mürzzuschlag ausgestellt ist. Der Großteil jedoch erfreut sich an dieser mächtigen Maschine.

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